Nearshoring war 2022–2024 das Buzzword der Supply-Chain-Welt. 2026 zeigt sich das reale Bild: Höhere Einstandspreise, aber niedrigere Freight-Kosten und bessere Planbarkeit. Was bedeutet das für Pricing-Strategien, die auf chinesischen Importpreisen kalibriert waren?
Die Post-COVID-Neuordnung globaler Lieferketten hat eine neue Kostenmathematik in den Einkauf gebracht. Nearshoring aus Polen, Rumänien oder Nordafrika ist 20–40 % teurer in der Herstellung als China — aber 60–80 % günstiger im Frachttransport und mit drastisch reduzierten Lead-Times. Für Pricing-Teams bedeutet das: Die Einstandspreis-Basis ist anderen geworden.
Der Nearshoring-Trend in Zahlen
Laut BCG "Global Manufacturing Radar" 2024 haben 62 % der befragten europäischen Unternehmen Nearshoring-Initiativen gestartet oder abgeschlossen. Hauptziele: Polen (Automotive, Electronics), Rumänien (Fashion, Textil), Türkei (Heimtextil, Möbel) und Marokko/Tunesien (Fashion, Aeronautik).
Deutsche Retailer zeigen heterogene Nearshoring-Quoten: Im Fashion-Segment haben H&M und Zara signifikante Anteile nach Portugal, Marokko und Türkei verlagert. Im Lebensmittelbereich sind die Effekte geringer, da viele Produkte bereits regional produziert werden.
Pricing-Konsequenzen: Neuere Einstandspreise, andere Strukturen
Die veränderte Kostenstruktur verlangt neue Pricing-Kalkulation: Nearshored-Produkte haben höhere Herstellungskosten, aber niedrigere TCO (Total Cost of Ownership) durch kürzere Lieferketten. Traditionelle Pricing-Formeln, die auf China-FOB-Preisen basieren, unterschätzen daher die tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit von Nearshoring-Produkten.
Konkret: Ein Textilprodukt aus Bangladesch bei 3,00 USD FOB mit 6 Wochen Lieferzeit und 15 % Freight-Anteil vs. gleiches Produkt aus Rumänien bei 4,50 USD FOB mit 5 Tagen Lieferzeit und 3 % Freight-Anteil. Nach TCO-Berechnung liegt der Unterschied oft unter 10 %.
Warum das für Pricing Manager wichtig ist: Nearshoring verändert die Kostenbasis und erfordert eine Neukalibrierung der Preis-Kalkulationsmodelle. Teams, die noch mit chinesischen Import-Benchmarks arbeiten, unterschätzen systematisch die Wettbewerbsfähigkeit nahfernöstlicher und europäischer Lieferketten.