Die US-Regierung hat die Zölle auf chinesische Importe im April 2026 auf 145 % angehoben – ein Niveau, das selbst erfahrene Außenhandelsjuristen als historisch einzigartigen Protektionismus bezeichnen. Für europäische Retailer und Markenhersteller, die globale Lieferketten betreiben, ist das kein Randthema. Es ist ein direktes Betriebswirtschafts-Problem.
Der Effekt ist in mehreren Wellen spürbar: In der ersten Welle treffen die Zölle US-Importeure chinesischer Waren direkt. In der zweiten Welle weichen chinesische Produzenten in andere Märkte aus – darunter Europa. In der dritten Welle versuchen globale Markenunternehmen, ihre Beschaffungsstrategien zu restrukturieren – mit Konsequenzen für Lieferzeiten, Einstandspreise und letztlich die Verkaufspreise auf europäischen Märkten.
Welche Kategorien besonders betroffen sind
Nicht alle Produktkategorien spüren den Zoll-Schock gleich. Die stärksten Auswirkungen zeigen sich dort, wo China in der globalen Wertschöpfungskette dominant ist:
- Consumer Electronics: Rund 70 % der weltweit produzierten Smartphones, Tablets und Laptops werden in China gefertigt. Apple hat bereits Teile der iPhone-Produktion nach Indien verlagert – ein Prozess, der Jahre dauert und die Preise kurzfristig erhöhen wird.
- Bekleidung und Textilien: Vietnam und Bangladesch haben Marktanteile gewonnen, aber China bleibt für Schnellmoder (Shein, Temu) und Teile der Markenmodeproduktion zentral. Steigende Beschaffungskosten werden durch die Zölle weiter verstärkt.
- Spielzeug und Haushaltswaren: Über 80 % des global verkauften Spielzeugs wird in China produziert. Für den europäischen Markt bedeutet das: Beschaffungsalternativen sind rar, Preiserhöhungen unvermeidlich.
Die indirekten Effekte auf europäische Märkte
Der weniger offensichtliche Effekt: Chinesische Produzenten, die bisher primär in den US-Markt geliefert haben, suchen jetzt aktiv neue Absatzmärkte. Europa ist die naheliegende Alternative. Das bedeutet: Europäische Händler bekommen Überangebote chinesischer Produzenten – zu niedrigeren Preisen als bisher, weil die Produzenten US-Verluste kompensieren müssen.
Für Retailer, die konkurrieren mit Plattformen wie Temu und Shein, ist das ein doppeltes Preisproblem: Die eigenen Einstandspreise steigen (weil globale Beschaffungskosten generell steigen), während asiatische Direktanbieter ihre Preise auf dem europäischen Markt aggressiv senken können.
Was Pricing-Teams jetzt tun sollten
Drei konkrete Maßnahmen für Pricing-Manager in dieser Phase:
1. Lieferketten-Mapping aktualisieren: Welcher Anteil des Sortiments stammt direkt oder indirekt aus chinesischer Produktion? Nur wer das weiß, kann die Zoll-Exposition quantifizieren.
2. Preiserhöhungs-Timing strategisch planen: Preiserhöhungen durch gestiegene Einstandskosten sind kommunizierbar – aber das Timing entscheidet. Wer zu früh erhöht, verliert Marktanteile. Wer zu spät erhöht, finanziert die Marge aus der eigenen Substanz.
3. Wettbewerber-Monitoring auf Import-Preisveränderungen ausweiten: Wenn Wettbewerber ihre Preise erhöhen, ist das ein Signal – und ein Window of Opportunity, das Preiserhöhungen bei sich selbst weniger schmerzhaft macht.