Brüssel hat beschlossen, die bisherige Zollfreigrenze von 150 Euro für Pakete aus Drittstaaten abzuschaffen. Was das für Preismanager im deutschen Handel bedeutet.
Es ist eine der meisterwarteten regulatorischen Entscheidungen im europäischen Handel: Die EU-Kommission hat am 17. März 2026 offiziell bestätigt, dass die bisherige Zollfreigrenze von 150 Euro für Kleinsendungen aus Drittstaaten – insbesondere China – zum 1. Juli 2026 vollständig abgeschafft wird. Jedes Paket, unabhängig von seinem Wert, wird künftig zollpflichtig.
Was wurde beschlossen?
Die EU-Kommission hat im Rahmen des überarbeiteten Zollkodex beschlossen, dass ab dem 1. Juli 2026 auf alle eingehenden Pakete aus Drittstaaten ein pauschaler Mindestbearbeitungssatz erhoben wird. Für Pakete unter 150 Euro wird ein Pauschalbetrag von 3 Euro pro Sendung als Bearbeitungsgebühr fällig, für Pakete über 150 Euro greifen die regulären Zollsätze.
Zusätzlich müssen Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress ab sofort eine "deemed importer"-Verantwortung übernehmen: Sie sind steuerlich für die MwSt.-Erhebung und Zollabwicklung zuständig, nicht mehr der Endkunde.
Warum ist das für den deutschen Handel relevant?
Bislang konnten Plattformen wie Temu und Shein ihre extrem niedrigen Preise auch deshalb anbieten, weil Kleinsendungen bis 150 Euro zollfrei in die EU eingeführt werden konnten. Dieser Kostenvorteil entfällt nun zumindest teilweise.
Für Pricing Manager im deutschen Einzel- und Onlinehandel ist das eine bedeutende Verschiebung. Viele Mid-Market-Händler haben in den letzten zwei Jahren erlebt, wie Temu-Preise die Preiserwartungen ihrer Kunden nach unten gezogen haben – besonders in Kategorien wie Haushaltswaren, Textilien und Elektronikzubehör.
Breaking-Einschätzung: Die regulatorische Änderung gibt europäischen Händlern etwas Luft – aber sie löst das Strukturproblem nicht. Temu und Shein werden ihre Preise anpassen, nicht aufgeben. Für Pricing Manager bleibt die Aufgabe, ihre eigene Wertpositionierung zu schärfen, statt allein auf regulatorischen Schutz zu setzen.
Reaktionen aus dem deutschen Handel
Der Handelsverband Deutschland (HDE) begrüßte die Entscheidung als "überfälligen Schritt zur Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen". HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth erklärte: "Jahrelang haben chinesische Plattformen von einem regulatorischen Schlupfloch profitiert, das europäischen Händlern nie zur Verfügung stand."
Temu teilte in einer ersten Stellungnahme mit, man prüfe die Auswirkungen auf das Preismodell. Analysten erwarten, dass die Plattform Teile der Zusatzkosten an Konsumenten weitergeben wird – was die Preislücke zu europäischen Anbietern in manchen Kategorien spürbar verringern könnte.
Was passiert als nächstes?
Die Umsetzung beginnt zum 1. Juli 2026. Bis dahin sind folgende Entwicklungen wahrscheinlich:
- Temu und Shein bauen europäische Lagerhaltung weiter aus, um Pakete innerhalb der EU zu versenden und dem Zoll zu entgehen.
- Preisanpassungen in besonders betroffenen Kategorien (Textil, Haushalt) werden in den nächsten Wochen erwartet.
- Europäische Händler sollten jetzt analysieren, in welchen Kategorien sie durch die Regelung Spielraum für Preiserhöhungen zurückgewinnen.
Für Pricing Manager empfiehlt sich eine sofortige Wettbewerbsanalyse: In welchen Sortimentsbereichen war die Preispolitik zuletzt durch chinesische Plattformen unter Druck? Dort ist jetzt Handlungsspielraum entstanden – aber wahrscheinlich nur für wenige Monate.